Macht ein Growth Mindset erfolgreicher?
Kurz gesagtKaum messbar. Der Zusammenhang zwischen Denkweise und Leistung ist schwach, und kurze Trainings verbessern Noten im Mittel nur sehr wenig. Am ehesten profitieren Lernende, die schlechter dastehen; ob selbst das hält, ist unter Fachleuten umstritten.
Die Behauptung
Mindset meint die Überzeugung, ob Eigenschaften wie Intelligenz veränderbar sind. Nach der Theorie erreichen Menschen mit einem „Growth Mindset“ (Eigenschaften lassen sich durch Anstrengung entwickeln) mehr als Menschen mit einem „Fixed Mindset“. Auf dieser Grundlage wurden weltweit Trainings in Schulen eingeführt [1].
Erste Nachprüfung: schwach (2018)
Sisk und Kollegen legten 2018 zwei Meta-Analysen vor. Die erste prüfte den Zusammenhang zwischen Mindset und Schulleistung (273 Effektgrößen, 365.915 Lernende), die zweite die Wirkung von Mindset-Trainings (43 Effektgrößen, 57.155 Lernende). Beide Gesamteffekte waren schwach. Einzelne Befunde stützten die Theorie aber: Lernende aus ärmeren Familien oder mit Schwierigkeiten in der Schule könnten von den Trainings profitieren [1].
Das große Experiment (2019)
Yeager und Kollegen testeten 2019 ein Online-Training von unter einer Stunde in einer landesweit repräsentativen Stichprobe von Schülerinnen und Schülern in den USA, mit vorab festgelegter Auswertung und unabhängiger Datenerhebung. Das Training verbesserte die Noten der leistungsschwächeren Lernenden und führte insgesamt dazu, dass mehr anspruchsvolle Mathematikkurse belegt wurden. Es wirkte dort, wo die Normen unter Gleichaltrigen zur Botschaft passten [2].
Zwei Meta-Analysen, zwei Lesarten (2023)
Im selben Heft der Zeitschrift Psychological Bulletin erschienen 2023 zwei Auswertungen der Trainingsstudien. Macnamara und Burgoyne prüften 63 Studien mit 97.672 Lernenden auch auf ihre Bauweise. Sie fanden große Mängel in Aufbau, Auswertung und Berichten und Hinweise auf Verzerrung: Autorinnen und Autoren mit finanziellem Interesse berichteten größere Effekte. Ihr Schluss: Die scheinbaren Effekte gehen wahrscheinlich auf diese Mängel zurück [3].
Burnette und Kollegen werteten 53 Stichproben aus und fragten, für wen die Trainings wirken. Für Gruppen, die profitieren sollten, und bei sorgfältiger Durchführung fanden sie kleine Effekte auf die Schulleistung und etwas größere auf die psychische Gesundheit. Sie betonen aber die große Streuung: Das 95-Prozent-Vorhersageintervall für die Schulleistung reicht von −0,08 bis 0,35 [4].
| Auswertung | Effekt auf die Leistung (d) |
|---|---|
| Alle Studien (Macnamara & Burgoyne) | 0,05 |
| Nur Studien, in denen sich das Mindset tatsächlich änderte | 0,04 |
| Nur die Studien höchster Güte | 0,02 |
| Zielgruppen bei sorgfältiger Durchführung (Burnette et al.) | 0,14 |
Was wir daraus mitnehmen
Zum Vergleich: Ein Effekt von d = 0,05 heißt, dass sich zwei Gruppen um ein Zwanzigstel ihrer Streuung unterscheiden. Das ist im Alltag nicht zu spüren. Nach der Korrektur für mögliche Veröffentlichungsverzerrung war selbst dieser Effekt nicht mehr bedeutsam [3].
Die Botschaft „Fähigkeiten lassen sich entwickeln“ ist damit nicht falsch. Belegt ist nur nicht, dass ein kurzes Training, das diese Botschaft vermittelt, Leistung spürbar verbessert. Näher an der Leistung liegt die Selbstwirksamkeit, das konkrete Zutrauen in eine Aufgabe; dazu gibt es einen eigenen Artikel.
Was die Forschung nicht sagt
- Fast alle Studien kommen aus der Schule. Für Mindset-Programme in Unternehmen sagen sie direkt nichts.
- Die beiden Meta-Analysen von 2023 widersprechen sich weniger in den Zahlen als in der Deutung: Beide finden kleine Mittelwerte und große Unterschiede zwischen Studien.
- Die Zahlen aus der Meta-Analyse von 2018 nennen wir nicht, weil der gelesene Abstract sie nicht enthält; er spricht nur von schwachen Effekten.
Selbst ausprobieren
Quellen
- Sisk, V. F., Burgoyne, A. P., Sun, J., Butler, J. L. & Macnamara, B. N. (2018). To what extent and under which circumstances are growth mind-sets important to academic achievement? Two meta-analyses. Psychological Science, 29(4), 549–571. doi:10.1177/0956797617739704 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
- Yeager, D. S., Hanselman, P., Walton, G. M., Murray, J. S., Crosnoe, R., Muller, C., … Dweck, C. S. (2019). A national experiment reveals where a growth mindset improves achievement. Nature, 573(7774), 364–369. doi:10.1038/s41586-019-1466-y · gelesen: Abstract, 27.10.2026
- Macnamara, B. N. & Burgoyne, A. P. (2023). Do growth mindset interventions impact students’ academic achievement? A systematic review and meta-analysis with recommendations for best practices. Psychological Bulletin, 149(3–4), 133–173. doi:10.1037/bul0000352 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
- Burnette, J. L., Billingsley, J., Banks, G. C., Knouse, L. E., Hoyt, C. L., Pollack, J. M. & Simon, S. (2023). A systematic review and meta-analysis of growth mindset interventions: For whom, how, and why might such interventions work? Psychological Bulletin, 149(3–4), 174–205. doi:10.1037/bul0000368 · gelesen: Abstract (PubMed 36227318), 27.10.2026
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