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Wie bewältigen Menschen Druck bei der Arbeit?

Druck entsteht nicht aus der Lage allein, sondern aus ihrer Bewertung. Wie jemand damit umgeht, ist ein Vorgang mit mehreren gleichrangigen Wegen, kein fester Typ und keine Frage von „gut“ oder „schlecht“.

Stand: 9 Quellen

Bewerten, dann bewältigen

Nach dem bekannten Stressmodell von Lazarus und Folkman fragen Menschen zuerst, ob etwas auf dem Spiel steht, und dann, ob ihre Mittel reichen. Bewältigung ist, was sie danach tun oder denken. In einer Studie mit einer Prüfungssituation änderten sich Gefühle und Bewältigung über drei Phasen hinweg; Bewältigung ist deshalb ein Vorgang, kein festes Merkmal [1]. Wer nach seinen Gewohnheiten fragt, erfasst also eine Neigung, die sich mit der Lage verschiebt.

Viele Wege statt zwei Schubladen

Carver und Kollegen zerlegten Bewältigung in 13 Einzelwege mit je vier Aussagen, etwa aktiv handeln, planen, Unterstützung suchen, umdeuten, annehmen oder ablenken (n = 978 Studierende) [2]. Skinner und Kollegen sichteten 100 Erhebungsverfahren mit über 400 Bezeichnungen. Ihr Schluss: Die Zweiteilung in „problembezogen“ und „emotionsbezogen“ taugt nicht als Oberkategorie, weil eine Handlung meist mehrere Aufgaben zugleich erfüllt [3].

Carver rät auf seiner Seite ausdrücklich davon ab, die Wege zu einem Gesamtwert oder zu „günstig“ und „ungünstig“ zusammenzurechnen [4]. Eine Mischung aus mehreren Wegen ist die ehrlichere Darstellung.

Resilienz: Ergebnis eines Verlaufs

Kalisch und Kollegen schlagen vor, Resilienz als Ergebnis eines Anpassungsvorgangs zu sehen (psychische Gesundheit erhalten oder schnell zurückgewinnen), ausdrücklich nicht als Charakterzug. Das sei nur im Nachhinein und unter Belastung feststellbar. Das ist ein Vorschlag der Autoren, keine Einigung des ganzen Feldes [5]. Eine Fachrunde um Southwick kommt zu keiner gemeinsamen Linie und fordert, jeweils zu sagen, ob Eigenschaft, Vorgang oder Ergebnis gemeint ist [6].

Bonanno trennt Resilienz (stabil bleiben) von Erholung (erst einbrechen, dann zurückfinden) und zeigt, dass Resilienz häufig ist: Die Mehrheit zeigt nach schweren Ereignissen keinen chronischen Verlauf [7].

Erholung außerhalb der Arbeit

Das Modell von Anstrengung und Erholung besagt: Anstrengung kostet. Bei unvollständiger Erholung beginnt der nächste Einsatz in einem schlechteren Zustand, und das kann sich aufsummieren [9].

Sonnentag und Fritz beschreiben vier Erholungserfahrungen und prüften sie in einer Studie mit 930 Beschäftigten (zwei Hälften zu je 465) [8].

ErholungserfahrungGemeint ist
AbschaltenGedanklich Abstand zur Arbeit gewinnen
EntspannenKörperlich und seelisch zur Ruhe kommen
MeisternNeues lernen, sich in einer anderen Sache bewähren
KontrolleSelbst über die freie Zeit bestimmen

Was die Forschung nicht sagt

  • Ein Test zum Umgang mit Druck ist kein Gesundheitstest. Er erkennt keine Erschöpfung, Angststörung oder Depression und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Einschätzung.
  • Wenn Druck dich über Wochen überfordert oder du dich dauerhaft leer fühlst, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Beratungsstelle.
  • Kein Weg der Bewältigung ist grundsätzlich richtig oder falsch; was hilft, hängt von der Lage ab. Die Quellen liefern keine Rangordnung der Wege.
  • Die Bewältigungsskala wurde an Studierenden entwickelt (n = 978); sie sagt wenig über die Arbeitswelt aus.

Selbst ausprobieren

Quellen

  1. Folkman, S. & Lazarus, R. S. (1985). If it changes it must be a process: Study of emotion and coping during three stages of a college examination. Journal of Personality and Social Psychology, 48(1), 150–170. doi:10.1037/0022-3514.48.1.150 · gelesen: Abstract, 27.10.2026 (Dossier druck)
  2. Carver, C. S., Scheier, M. F. & Weintraub, J. K. (1989). Assessing coping strategies: A theoretically based approach. Journal of Personality and Social Psychology, 56(2), 267–283. doi:10.1037/0022-3514.56.2.267 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier druck; Tab. 1–2)
  3. Skinner, E. A., Edge, K., Altman, J. & Sherwood, H. (2003). Searching for the structure of coping: A review and critique of category systems for classifying ways of coping. Psychological Bulletin, 129(2), 216–269. doi:10.1037/0033-2909.129.2.216 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier druck; S. 216, 227–228)
  4. Carver, C. S.: Seite zur Kurzfassung seines Bewältigungsfragebogens (Universität Miami). · gelesen: Originalseite, 27.10.2026 (Dossier druck)
  5. Kalisch, R. et al. (2017). The resilience framework as a strategy to combat stress-related disorders. Nature Human Behaviour, 1(11), 784–790. doi:10.1038/s41562-017-0200-8 · gelesen: Volltext (Autorenseite), 27.10.2026 (Dossier druck; Box 1)
  6. Southwick, S. M., Bonanno, G. A., Masten, A. S., Panter-Brick, C. & Yehuda, R. (2014). Resilience definitions, theory, and challenges: Interdisciplinary perspectives. European Journal of Psychotraumatology, 5, 25338. doi:10.3402/ejpt.v5.25338 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier druck)
  7. Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience. American Psychologist, 59(1), 20–28. doi:10.1037/0003-066X.59.1.20 · gelesen: Volltext (Scan), 27.10.2026 (Dossier druck; S. 20, 22)
  8. Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire: Development and validation of a measure for assessing recuperation and unwinding from work. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204–221. doi:10.1037/1076-8998.12.3.204 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier druck; Tab. 2–3)
  9. Geurts, S. A. E. & Sonnentag, S. (2006). Recovery as an explanatory mechanism in the relation between acute stress reactions and chronic health impairment. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 32(6), 482–492. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-55888 · gelesen: Volltext (Scan), 27.10.2026 (Dossier druck; S. 483, gibt Meijman & Mulder 1998 wieder)

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