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Welche Wege, mit Gefühlen umzugehen, wirken wirklich?

Kurz gesagtAm besten belegt ist das Umdeuten einer Situation, also sie bewusst anders einzuordnen. Ablenken hilft ebenfalls etwas. Gefühle innerlich wegzudrücken oder gedanklich bei ihnen zu verweilen, verändert sie dagegen kaum oder verstärkt sie.

  • Stand
  • Quellen5
  • Lesezeit2 Min.

Fünf Stellen, an denen sich ein Gefühl beeinflussen lässt

James Gross beschrieb 1998 ein Prozessmodell: Ein Gefühl entsteht in Schritten, und an jedem Schritt lässt es sich beeinflussen. Er unterscheidet Emotionsregulation dabei ausdrücklich von verwandten Begriffen wie Bewältigung (Coping) oder Stimmungsregulation [1].

Situation auswählenSituation verändernAufmerksamkeit lenkenBewertung ändernReaktion beeinflussen
Grafik zu „Fünf Stellen, an denen sich ein Gefühl beeinflussen lässt“. Alles im Wortlaut steht in der Tabelle darunter.
Ansatzpunkt nach GrossBeispiel im Arbeitsalltag (unsere Erläuterung)
Situation auswählenein schwieriges Gespräch nicht zwischen Tür und Angel führen
Situation verändernum eine Pause bitten, die Tagesordnung umstellen
Aufmerksamkeit lenkensich auf den nächsten Schritt statt auf den Ärger konzentrieren
Bewertung ändernKritik als Hinweis zur Sache lesen statt als Angriff
Reaktion beeinflussentief durchatmen, den Ärger nicht zeigen

Was die Versuche zeigen

Webb, Miles und Sheeran fassten 2012 306 Versuchsvergleiche zusammen, in denen Menschen eine bestimmte Strategie anwenden sollten. Gemessen wurde, wie stark sich das Gefühl im Erleben, im Verhalten und körperlich veränderte [2].

Auf der Ebene der großen Gruppen wirkte das Lenken der Aufmerksamkeit im Mittel gar nicht (d = 0,00), das Beeinflussen der Reaktion schwach (d = 0,16) und das Ändern der Bewertung schwach bis mittel (d = 0,36). Innerhalb der Gruppen gab es aber große Unterschiede [2]:

WIRKUNG (D)Eine andere Perspektive einn0,45Den Auslöser umdeuten0,36Den Ausdruck des Gefühls unt0,32Sich ablenken0,27Die eigene Reaktion umdeuten0,23Das Erleben unterdrücken−0,04Gedanken an den Auslöser unt−0,12Sich auf das Gefühl konzentr−0,26
Grafik zu „Was die Versuche zeigen“. Alles im Wortlaut steht in der Tabelle darunter.
StrategieWirkung (d)
Eine andere Perspektive einnehmen0,45
Den Auslöser umdeuten0,36
Den Ausdruck des Gefühls unterdrücken0,32
Sich ablenken0,27
Die eigene Reaktion umdeuten0,23
Das Erleben unterdrücken−0,04
Gedanken an den Auslöser unterdrücken−0,12
Sich auf das Gefühl konzentrieren−0,26

Unterdrücken wirkt nach außen, nicht nach innen

Dass das Unterdrücken des Ausdrucks in den Versuchen „wirkt“, heißt nur: Man sieht weniger vom Gefühl. Gross und John zeigten 2003 in fünf Studien, dass Menschen, die gewohnheitsmäßig unterdrücken, weniger positive und mehr negative Gefühle erleben, und schlechter mit anderen zurechtkommen. Bei Menschen, die gewohnheitsmäßig umdeuten, war es umgekehrt [3].

Für den Beruf passt dazu eine Meta-Analyse zur Gefühlsarbeit mit 95 Studien: Wer Gefühle nur nach außen spielt, die er nicht hat (Oberflächenhandeln), berichtet deutlich mehr Belastung (ρ zwischen 0,39 und 0,48). Wer versucht, das verlangte Gefühl tatsächlich zu empfinden (Tiefenhandeln), hing nur schwach mit Belastung zusammen, aber positiv mit der Zufriedenheit der Kundschaft [4].

Grübeln als Warnsignal

Aldao, Nolen-Hoeksema und Schweizer werteten 241 Effektgrößen aus 114 Studien zu sechs Strategien und Beschwerden wie Angst und Niedergeschlagenheit aus. Am stärksten hing das Grübeln mit Beschwerden zusammen. Vermeiden, Unterdrücken und (in umgekehrter Richtung) Probleme lösen hingen mittel bis stark zusammen, Umdeuten und Akzeptieren nur schwach bis mittel. Die Autoren nennen das selbst überraschend, weil gerade diese beiden in Therapien eine große Rolle spielen [5].

Was die Forschung nicht sagt

  • Die Wirkungen stammen meist aus Laborversuchen mit kurzen Auslösern (Filme, Bilder). Wie gut sie sich auf einen langen Konflikt im Team übertragen, ist weniger klar.
  • Die Zahlen von Gross und John sowie von Aldao und Kollegen sind Zusammenhänge, keine Ursachen. Wer viel grübelt, kann auch grübeln, weil es ihm schlecht geht.
  • Keine Strategie passt immer. Webb und Kollegen fanden, dass die Wirkung auch davon abhängt, welches Gefühl reguliert wird und wozu [2].
  • Bei anhaltender Niedergeschlagenheit oder Angst ersetzt dieser Artikel keine ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe.

Selbst ausprobieren

Quellen

  1. Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: An integrative review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299. doi:10.1037/1089-2680.2.3.271 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
  2. Webb, T. L., Miles, E. & Sheeran, P. (2012). Dealing with feeling: A meta-analysis of the effectiveness of strategies derived from the process model of emotion regulation. Psychological Bulletin, 138(4), 775–808. doi:10.1037/a0027600 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
  3. Gross, J. J. & John, O. P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362. doi:10.1037/0022-3514.85.2.348 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
  4. Hülsheger, U. R. & Schewe, A. F. (2011). On the costs and benefits of emotional labor: A meta-analysis of three decades of research. Journal of Occupational Health Psychology, 16(3), 361–389. doi:10.1037/a0022876 · gelesen: Abstract, 27.10.2026
  5. Aldao, A., Nolen-Hoeksema, S. & Schweizer, S. (2010). Emotion-regulation strategies across psychopathology: A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30(2), 217–237. doi:10.1016/j.cpr.2009.11.004 · gelesen: Abstract (PubMed 20015584), 27.10.2026

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