Gibt es Entscheidungsstile, und sagen sie, wer besser entscheidet?
Ja, Menschen unterscheiden sich stabil darin, wie sie entscheiden. Über die Qualität ihrer Entscheidungen sagt der Stil aber wenig: Die Zusammenhänge sind klein und hängen von der Aufgabe ab.
Fünf Stile
Scott und Bruce schrieben Aussagen für vier Stile (rational, intuitiv, abhängig, vermeidend) und fanden beim Entwickeln einen fünften, den spontanen [1]. Eine slowakische Stichprobe (N = 427) bestätigte fünf Faktoren in der explorativen Analyse; die bestätigende Analyse passte nur teilweise (CFI .871, RMSEA .066). Rationaler und spontaner Stil hängen deutlich negativ zusammen (r = −.49), die übrigen Stile nur schwach [2].
| Stil | Kurz gesagt |
|---|---|
| Rational | Informationen sammeln, Möglichkeiten vergleichen |
| Intuitiv | Auf den ersten Eindruck und das Gefühl hören |
| Abhängig | Rat und Rückhalt anderer suchen |
| Vermeidend | Entscheidungen hinausschieben |
| Spontan | Schnell und aus dem Moment entscheiden |
Maximieren oder „gut genug“
Simon beschrieb 1956, dass Organismen sich meist „gut genug“ anpassen (satisfice), statt zu optimieren. Es genügt ein Weg, der die Bedürfnisse auf einem festgelegten Niveau befriedigt [3].
Schwartz und Kollegen entwickelten eine Skala zum Maximieren (13 Aussagen). In sieben Stichproben mit zusammen N = 1.747 ging Maximieren mit weniger Glück einher (r = −.10 bis −.34) und mit mehr Bedauern (r = .36 bis .61) [4]. Das ist umstritten: Diab und Kollegen fanden für die Skala von 2002 einen Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit von r = −.24, für eine Skala, die nur die Neigung zum Maximieren misst, von .04 (N = 191). Das „Unglück der Maximierer“ könnte an der Messung liegen [5]. Die Skala ist zudem nur mäßig zuverlässig (Alpha im Mittel .70, Kurzform .47) [6]. Cheek und Schwartz trennen Ziel (die beste Möglichkeit wählen) und Strategie (viele Möglichkeiten durchsuchen) [7].
Der griffigste Befund: Hochschulabsolventen, die eher maximierten, erzielten rund 20 % höhere Einstiegsgehälter (44.515 $ gegen 37.085 $ im Median-Split, 548 Teilnehmende aus 11 Hochschulen), waren mit der Stelle aber weniger zufrieden [8].
Intuition und Abwägen sind zwei Dinge
Epstein und Kollegen fanden rationales und erfahrungsgeleitetes Denken als zwei unabhängige Faktoren (N = 973), nicht als Pole einer Achse [9]. Ein deutschsprachiges Inventar mit über 2.500 Personen in drei Studien kam zum gleichen Bild: Intuition und Abwägen sind getrennte Neigungen [10]. Wer viel abwägt, kann trotzdem viel auf sein Gefühl geben.
Eine Metaanalyse über 89 Stichproben (N = 17.704) fand zwischen Denkstil und Entscheidungsleistung nur kleine Zusammenhänge; sie wurden größer, wenn der Stil zur Aufgabe passte [11].
Kahneman und Klein nennen Bedingungen, unter denen Intuition verlässlich ist: eine Umgebung mit genug Regelmäßigkeit und die Gelegenheit, sie durch lange Übung mit schneller, eindeutiger Rückmeldung zu lernen. Das Gefühl der Sicherheit verrät nicht, ob die Intuition trifft [12].
Was die Forschung nicht sagt
- Ein Stil ist keine Kompetenz. Wie gut jemand entscheidet, wird mit Aufgaben gemessen, nicht mit Fragebögen zum Stil.
- Die Zusammenhänge von Stil und Entscheidungsleistung sind klein und stammen überwiegend aus Aufgaben, nicht aus dem Berufsalltag.
- Das Gehaltsergebnis bei Maximierern stammt aus einer Absolventenstichprobe in einem bestimmten Jahr und besagt nichts über Entscheidungen in anderen Berufen.
- Zusammenhänge zwischen Entscheidungsstil und seelischer Gesundheit gibt es in der Forschung. Ein Test auf dieser Seite deutet sie nicht.
Selbst ausprobieren
Quellen
- Scott, S. G. & Bruce, R. A. (1995). Decision-making style: The development and assessment of a new measure. Educational and Psychological Measurement, 55(5), 818–831. doi:10.1177/0013164495055005017 · gelesen: Abstract, 27.10.2026 (Dossier entscheidung); keine Zahl übernommen
- Bavoľár, J. & Orosová, O. (2015). Decision-making styles and their associations with decision-making competencies and mental health. Judgment and Decision Making, 10(1), 115–122. doi:10.1017/S1930297500003223 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 117–119, Tab. 1–2)
- Simon, H. A. (1956). Rational choice and the structure of the environment. Psychological Review, 63(2), 129–138. doi:10.1037/h0042769 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 129, 136)
- Schwartz, B., Ward, A., Monterosso, J., Lyubomirsky, S., White, K. & Lehman, D. R. (2002). Maximizing versus satisficing: Happiness is a matter of choice. Journal of Personality and Social Psychology, 83(5), 1178–1197. doi:10.1037/0022-3514.83.5.1178 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 1180–1183, Tab. 2)
- Diab, D. L., Gillespie, M. A. & Highhouse, S. (2008). Are maximizers really unhappy? The measurement of maximizing tendency. Judgment and Decision Making, 3(5), 364–370. doi:10.1017/S1930297500000383 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; Tab. 1 S. 367)
- Nenkov, G. Y., Morrin, M., Ward, A., Schwartz, B. & Hulland, J. (2008). A short form of the Maximization Scale: Factor structure, reliability and validity studies. Judgment and Decision Making, 3(5), 371–388. doi:10.1017/S1930297500000395 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; Tab. 3 S. 375, Tab. 5 S. 379)
- Cheek, N. N. & Schwartz, B. (2016). On the meaning and measurement of maximization. Judgment and Decision Making, 11(2), 126–146. doi:10.1017/S1930297500007257 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 135–137)
- Iyengar, S. S., Wells, R. E. & Schwartz, B. (2006). Doing better but feeling worse: Looking for the „best“ job undermines satisfaction. Psychological Science, 17(2), 143–150. doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01677.x · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 143–147)
- Epstein, S., Pacini, R., Denes-Raj, V. & Heier, H. (1996). Individual differences in intuitive–experiential and analytical–rational thinking styles. Journal of Personality and Social Psychology, 71(2), 390–405. doi:10.1037/0022-3514.71.2.390 · gelesen: Abstract, 27.10.2026 (Dossier entscheidung)
- Betsch, C. (2004). Präferenz für Intuition und Deliberation (PID). Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 25(4), 179–197. doi:10.1024/0170-1789.25.4.179 · gelesen: Abstract, 27.10.2026 (Dossier entscheidung)
- Phillips, W. J., Fletcher, J. M., Marks, A. D. G. & Hine, D. W. (2016). Thinking styles and decision making: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 142(3), 260–290. doi:10.1037/bul0000027 · gelesen: Abstract, 27.10.2026 (Dossier entscheidung); Volltext nicht erreichbar, nur Stichprobenumfang übernommen
- Kahneman, D. & Klein, G. (2009). Conditions for intuitive expertise: A failure to disagree. American Psychologist, 64(6), 515–526. doi:10.1037/a0016755 · gelesen: Volltext, 27.10.2026 (Dossier entscheidung; S. 515, 520, 524)